PERSON
Internationale
Zeitschrift für Personzentrierte und
Experienzielle Psychotherapie und Beratung

Heft
2 | 2001
100 Jahre Carl Rogers
Diese Ausgabe ist in zweierlei Hinsicht eine besondere: Erstens würdigen wir mit einem Schwerpunktheft den Begründer der Klientenzentrierten Psychotherapie bzw. des Personzentrierten Ansatzes, Carl Rogers, der am 8. Jänner 1902, also vor hundert Jahren, geboren wurde. Auch wenn Rogers, dem Huldigungen zuwider waren, einem solchen Heft vermutlich reserviert gegenüber gewesen wäre, nehmen wir dieses Datum zum Anlass, seinem Leben und Werk insgesamt neunzehn Beiträge zu widmen. Diese beschäftigen sich aus verschiedenen Blickwinkeln ausgewählten Aspekten seiner Person und seiner Biografie sowie seinem Schaffen und seinen bleibenden Verdiensten, die für viele von uns ein Ansporn sind, den von ihm in die Welt gesetzten Ansatz in Theorie und Praxis fortzusetzen und weiter zu entwickeln. An dieser Stelle sei auch darauf hingewiesen, dass das runde Jubiläum gleich zwei große Tagungen mit sich bringt: „Carl Rogers (1902-2002): Reflexionen – Begegnungen – Perspektiven“ im Rahmen des dritten Weltkongresses für Psychotherapie vom 14. – 18. Juli 2002 in Wien sowie die „Centennial Conference: Honoring 100 Years of Carl R. Rogers: His life, our work, a global vision“ vom 24. – 28. Juli in La Jolla (Kalifornien, USA) (siehe auch die jeweiligen Einschaltungen im Anhang dieses Heftes).
Zweitens wird die Zeitschrift PERSON ab der vorliegenden Nummer von einer erweiterten Kooperationsgemeinschaft herausgegeben: Zusätzlich zu den österreichischen Herausgebern (Forum der APG, IPS der APG und ÖGwG) beteiligen sich numehr auch die „Schweizerische Gesellschaft für Gesprächspsychotherapie“ (SGGT) und die deutsche „Ärztliche Gesellschaft für Gesprächspsychotherapie“ (ÄGG) an der Zeitschrift, die damit zur ersten deutschsprachigen Internationalen Zeitschrift für den Personzentrierten Ansatz geworden ist. Um diesem Neubeginn auch mit einem entsprechenden äußeren Zeichen Ausdruck zu verleihen, haben wir daher auch das Deckblatt etwas verändert. Aufgestockt ist nun auch das Redaktionsteam (zu seiner aktuellen Zusammensetzung siehe die Innenseite des Covers). Insbesondere dürfen wir Margarethe Letzel willkommen heißen, die bereits an der Erstellung dieses Heftes tatkräftig und kompetent mitgewirkt hat. Als Einstandsgeschenk hat sie unter anderem gleich fünf englischsprachige Beiträge übersetzt und die Koordination zur romanischen Schweiz übernommen. Ein Novum ist nämlich auch, dass mit Bedacht auf unsere französischsprachigen Kollegen/innen in der Schweiz Fachbeiträge ab nun um französische Abstracts ergänzt werden. Aus der Schweiz gibt es auch die offizielle Eröffnung des PCA-Instituts in Zürich am 22. Juni 2002 zu berichten, das noch in diesem Herbst mit einer ersten Fachtagung Akzente setzen möchte (siehe auch die Einschaltung im Anhang).
Gleichzeitig wurde auch das inhaltliche Spektrum, das mit der Zeitschrift erfasst werden soll, ausgedehnt. Dies wird auch mit dem neuen Untertitel dokumentiert: Neben einer unveränderten personzentrierten Ausrichtung im engeren Sinn sollen auch die Experienziellen Ansätze in Psychotherapie und Beratung Beachtung finden (siehe dazu auch die Präambel auf der inneren Umschlagseite, worin das Selbstverständnis der Blattlinie geformt ist). Dies kann auch als ein Schritt im Sinne von „carrying forward“ gesehen werden, einem Terminus aus der experienziellen Theorie von Eugene Gendlin, der das Voranschreiten eines lebendigen Prozesses benennt. Folgerichtig sollte dieser Schritt bei vielen Lesern/innen einen „felt shift“ ausgelöst haben. Wir warten auf Reaktionen!
Zurück zum Inhalt: Den Anfang macht eine von Hans-Peter Ratzinger und Elisabeth Zinschitz vorgenommene Auswertung biografischer Schriften über Rogers, autobiografische sowie Darstellungen und Recherchen über ihn, inklusive der ersten deutschsprachigen von Norbert Groddeck verfassten Übersicht. In diesem Artikel werden einerseits noch einmal die wesentlichen Stationen des Werdegangs von Carl Rogers sowie seine theoretischen Innovationen skizziert, aber auch die biografischen Texte kritisch bewertet. Er ist auch der grundlegenden Angaben wegen an den Anfang dieser Nummer gestellt.
Ein zweiter großer Abschnitt umfasst die Expertise von zwölf prominenten Vertretern des Personzentrierten Ansatzes sowie seines Umfeldes zu spezifischen Gesichtpunkten im Wirken von Rogers. Hier hat eine illustre, international besetzte Runde, beginnend mit seiner Tochter Natalie, die große Bandbreite in seiner Arbeit beleuchtet und kommentiert: Rogers als Forscher, als Theoretiker, als Praktiker, als Entwicklungspsychologe, als Protagonist der Encounter-Bewegung sowie als gesellschaftspolitisch Engagierter. Wir sind stolz darauf, dass es uns gelungen ist, derart heterogene Beiträge von Persönlichkeiten aus sechs verschiedenen Ländern zusammenzutragen, wobei fast die Hälfte dieser Stellungnahmen und Analysen, die allesamt Originalarbeiten darstellen, von englischsprachigen Autoren stammen.
Weitere, zum Teil wesentlich ausführlichere, Artikel beschäftigen sich ebenfalls mit speziellen Themenstellungen, herausragenden Bausteinen und tragenden Pfeilern in Rogers’ Lebenswerk:
So hat Barbara Reisel Auszüge aus seinem ersten Buch übersetzt, die hiermit zum ersten Mal in deutscher Sprache veröffentlicht werden. Damit begibt sie sich auf die kindertherapeutische und erziehungsberaterische Spur, die so nachhaltige Wirkungen für Rogers’ weitere Theoriebildung und Ausarbeitung der klientenzentrierten Praxis, ja auch des Personzentrierten Ansatzes, gezeitigt hat. Wenn auch dieses Buch noch nicht zum klientenzentrierten Bestand im engeren Sinn gerechnet wird, zeigt die Autorin doch in verblüffender Weise auf, wie sehr hier bereits die Wurzeln dafür gelegt waren.
Eine Premiere stellt auch der Beitrag von Christian Korunka, Nora Nemeskeri und Joachim Sauer dar, haben sie sich doch zum ersten Mal im deutschen Sprachraum in akribischer und umfangreicher Weise der zum Teil aufwändigen Projekte von Rogers angenommen, die ihn zum Pionier der empirischen Psychotherapieforschung gemacht haben. Systematisch und detailreich werden drei Forschungssequenzen, die sich der Arbeit an den Universitäten in Ohio, Chicago und Wisconsin zuordnen lassen, nachgezeichnet und kritisch reflektiert.
Wolfgang W. Keil wiederum will mit seinen Ausführungen aufzeigen, wie sehr das von Eugene Gendlin näher konzeptualisierte experienzielle Element unabdingbarer Bestandteil Personzentrierter Psychotherapie zu sein hat. Wir meinen, das dieses Plädoyer Stoff für weitere Debatten und Auseinandersetzungen zum Verhältnis von personzentriert und experienziell liefert.
Wie sehr gesellschaftliche und juristische Rahmenbedingungen - Dimensionen, die für Rogers eher sekundär waren - den Boden für die Entfaltung eines Ansatzes abgraben bzw. austrocknen können, belegt Anna Auckenthaler in ihrer Analyse. Sie sagt der Personzentrierten Psychotherapie in Deutschland – trotz eindeutig bekräftigender Forschungsergebnisse und trotz ihrer impliziten Anerkennung – auch angesichts der universitären Nicht-Verankerung, des Medikalisierungstrends und Zeitgeistes eine schwierige Zukunft voraus. Gerade, was die Situation der „Gesprächspsychotherapie“ in Deutschland anlangt, stehen wir vor großen Herausforderungen.
Demgegenüber betont Peter Schmid in seiner Glosse einmal mehr die Unvergleichlichkeit und Radikalität des Personzentrierten Ansatzes: Dieser habe mit seinen Grundzügen nicht nur gegenwärtige Entwicklungen vorweg genommen, sondern es sei sehr zu wünschen, dass sich auch zukünftige Gestaltungsperspektiven daran orientieren. Einige seiner diesbezüglichen „Traumvisionen“ entwerfen Szenarien, die in diese Richtung weisen.
Schließlich äußern sich acht Ausbildungsteilnehmer/innen, die ihre psychotherapeutische Fachausbildung in den Ausbildungsgängen der Organisationen der Herausgeber absolvieren oder eben absolviert haben, über ihren Zugang zum Personzentrierten Ansatz, wie er von Carl Rogers eingeführt wurde. Was hat sie bewogen, sich gerade diese Methode anzueignen und die dahinter stehenden Leitsätze zu vertiefen? In zum Teil sehr persönlichen Annäherungen legen sie jeweils ihre Motive und ihren Ausblick dar. Sie repräsentieren ja sozusagen stichprobenartig die kommende Generation von Personzentrierten Praktikern. Sie tragen gewissermaßen die Stafette weiter, die wir unsererseits übernommen haben. Dies kann uns hoffnungsfroh und zuversichtlich stimmen, dass Carl Rogers’ Vermächtnis noch mindestens weitere hundert Jahre überleben möge.
Chères
collègues et chers collègues de la Suisse
romande
Avec la parution de ce premier numéro de "PERSON", vous tenez en main la succession du feu Brennpunkt. La SPCP n'avait plus les moyens ni voyait de sens à maintenir un organe théorique issu uniquement du milieu suisse. Nous sommes plutôt mal implantés en milieu universitaire, ce qui fait que la quasi-totalité de nos membres sont des praticiennes et praticiens. Ailleurs, comme en Autriche, ce n'est pas le cas.
Du côté de Vienne, nous avons un organe théorique absolument avant-garde et scientifique en matière de théorie centrée sur la personne! Le comité de rédaction jusqu'alors autrichien de la revue "PERSON" s'est donc élargi par celui du Brennpunkt. Cependant, la fusion a son prix. Alors que dans le Brennpunkt nous avions eu souvent des articles entièrement traduits en français, cela ne sera plus le cas. La majorité des articles scientifiques sera publiée soit en allemand, soit en anglais, avec chaque fois un "abstract" en français. Cela permettra une orientation de fonds par rapport au contenu du texte.
La revue "PERSON" est un projet à caractère international et par là même une "lance de fer" pour pouvoir mieux défendre notre approche au niveau européen, en rude concurrence avec bien d'autres "écoles thérapeutiques". C'est d'ailleurs pourquoi le comité de rédaction austriaco-suisse vient d'accueillir en son sein avec beaucoup de satisfaction l'association allemande des médecins pratiquant l'approche centrée sur la personne (ÄGG). Quant au nombre de contributions venant de la Suisse, cela dépend tout simplement de nous-mêmes. Espérons qu'elles seront nombreuses et variées!
Suite à d'intenses négociations nous sommes convaincus que pour l'heure c'est la meilleure formule possible et qu'elle est préférable à l'absence d'un organe théorique. A vous de juger!
Je vous souhaite bonne lecture!
Frank
Margulies
Membre de la rédaction "interne"
SPCP